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Hans Maier
Europas Zukunft: Auf dem Weg in die postchristliche Gesellschaft
1931 geboren 
1962 Professor 
für Politische Wissenschaft 
an der Universität München 
1970 bis 1986 
bayerischen Kultusministers 
seit 1973 Mitglied der CSU 
zwölf Jahre lang 
Präsident des Zentralkomitees   der Deutschen Katholiken 
Gäbe es das Christentum in Europa nicht mehr – was wäre dann in unserem Alltag anders? Wie sähe eine nachchristliche Gesellschaft aus? Woran würden wir merken, daß wir in ihr leben?

Zunächst wohl an etwas Äußerem: Wir lebten nicht mehr im Jahr 2001 oder 2002, wir hätten keine kirchlichen Feste mehr, keine Jahreseinteilung mit den Fixpunkten Neujahr, Ostern, Pfingsten, Weihnachten. Wahrscheinlich gäbe es auch keine Siebentagewoche mehr. An ihre Stelle, an die Stelle des jüdischen Sabbats, des christlichen Sonntags, wäre die Dekade getreten, eine Zehntagewoche, wie sie bereits in der Französischen Revolution und später im Leninismus und Stalinismus als Alternative zum überlieferten Kalender erprobt wurde. Und wonach würden wir die Jahre zählen? Vielleicht nach der Zeitrechnung anderer Religionen; wahrscheinlicher aber nach einer säkularen Zeitrechnung: zum Beispiel nach dem Tod Gottes, wie es Nietzsche und einige seiner Anhänger empfohlen hatten.
Gäbe es noch Kirchen? Wahrscheinlich ja; man kann sich kaum vorstellen, daß sie alle der Abrißbirne und dem Bagger zum Opfer gefallen wären. Aber sie wären nur noch Denkmäler einer vergangenen Zeit – Erinnerungen an etwas, das einmal war, aber nun nicht mehr ist: Gottesdienste und Gebete, Versammlungen von Gläubigen, öffentliches Wirken von Christen.
Was wäre also anders? Sehr vieles – man kann es nur in Gedanken durchspielen. Die christliche Umwertung der Werte würde gewissermaßen nach rückwärts revidiert. Manches würde sich wieder vorchristlichen, antiken Formen nähern. So könnten an die Stelle der unwiederholbaren (und unumkehrbaren!) christlichen Zeit Gegenmodelle treten: Modelle der Wiederkehr und Wiedergeburt. Statt des christlichen Zeitpfeils also der Kreis – Nietzsche hat das in seiner ‚ewigen Wiederkehr des Gleichen’ vorweggenommen. Dann entfielen nicht nur die Antriebs- und Formkräfte der westlichen Forschungs- und Wissenschaftskultur, sondern auch die an feste Zeiten, Fristen und Verantwortlichkeiten gebundenen Strukturen der modernen Demokratie. Alles wäre revidierbar. Nichts wäre endgültig. Statt sich dem unerbittlichen Zeitlauf zu unterwerfen, könnte man in einem ewigen Augenblick leben – ohne die Lasten von Schuld, Geschichte, Verantwortung.
Oder denken wir an die Balance von Arbeit und Freizeit, von genutzter und zweckfreier Zeit, zurückgehend auf die Zweiheit von Arbeit und Gebet. Ich kann mir kaum vorstellen, daß sie außerhalb jüdisch-christlicher Traditionen wirksam fortbestehen könnte. Mit der überlieferten ‚Festzeit’ – verkörpert vor allem in freien Tagen – geriete auch die ‚Sozialzeit’ unter Druck, Gewerkschaften und Arbeitnehmer wären allein für sich zu schwach, sie zu verteidigen. Der modernen Arbeits- und Globalisierungsdynamik fehlte das überlieferte und bewährte Widerlager der ‚Ruhe am siebten Tag’.

Am deutlichsten wären die Veränderungen, meine ich, im Bereich von Menschenrecht und Menschenwürde. Denn hier vollzog sich der größte Umschwung, die sichtbarste Umwertung der überlieferten Werte durch das Christentum. Im christlichen Menschenbild herrscht nicht das Naturhafte vor, das organisch Gewachsene, Wohlgeratene – vielmehr sieht das Neue Testament die Menschen unter mancherlei Winkeln der Fragwürdigkeit. Auch die Armen, Kranken, Niedrigen, Kleinen hat Gott erwählt. Die christliche Botschaft richtet sich an alle, an die ganze Menschheit, nicht nur an einzelne, an ‚höhere’ Menschen. Das biblische Menschenbild hat deutliche Spuren in der Geschichte des modernen Rechts-, Sozial-, Kulturstaats hinterlassen: Daß man für Arme, Kranke, Behinderte zu sorgen begann, daß man Menschenrechte nicht als Vorrecht der Stärkeren, sondern als Schutz der Schwachen verstand – das sind Spätfolgen dessen, was Nietzsche den christlichen ‚Sklavenaufstand der Moral’ genannt hat. Darauf beruht das moderne Kranken-, Armen-, Erziehungswesen (die Antike kannte keine institutionellen Einrichtungen vergleichbarer Art). Und darauf beruht auch der Schutz des Lebens der Ungeborenen, der Altern, Kranken, Behinderten, der heute im Fortgang der Säkularisierung brüchig zu werden droht.
Wissen wir, ob der Sozialstaat den Untergang der Nächstenliebe überleben würde? Müßte nicht die Solidarität mit den Mitmenschen verschwinden, wenn diese nur noch Fremde wären, andere, Konkurrenten? Schon hat der Nobelpreisträger James D. Watson angesichts der Fortschritte der vorgeburtlichen Diagnostik für ein Recht auf Tötung erbkranker Föten plädiert – die jüdisch-christliche Tradition dürfe solche Eingriffe nicht behindern. Man sieht, die Umrisse einer postchristlichen Gesellschaft zeichnen sich schon deutlich ab – viel deutlicher, als manche Optimisten meinen. Und so ist unser kleines Gedankenexperiment heute leider schon ein Stück Wirklichkeit.
gesendet 
am 21. Juni 2001 
im Deutschland-Radio