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Zum Tode von
Hans Mayer
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Zum Tode von Hans Mayer kann ein bescheidener Geist wenig sagen. Nur soviel: Er war ein Mann, der es nicht nötig hatte zu kuschen: Ein selbstbewußter Außenseiter, der seine gesellschaftliche, politische und wissenschaftliche Präsenz nicht erkaufen musste durch Selbstverleugnung und Anpassung an die erwünschte Meinung.
Eine Größe, die ihm sein Geist ermöglichte - Gelehrtheit ohne Elfenbeinturm - das Eingestehen von Fehlern, ohne die richtigen Grundpositionen gleich mit über Bord zu werfen - Assoziationsartistik, die aus einem Leben in Kultur erwächst und die beiden wichtigsten Eigenschaften für ein menschenliebendes Miteinander: die Geduld zur Differenzierung und die Toleranz, Widersprüche auszuhalten.
Wer hätte eine größere Legitimation, dieses Leben zu würdigen, als Marcel Reich-Ranicki:
Feuilleton  Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.05.2001, S. 47 

Eine Lebensgeschichte, die das Jahrhundert anklagt
Freund des Gesprächs, Virtuose der Polemik: Erinnerungen an Hans Mayer / Von Marcel Reich-Ranicki

Was immer gegen Hans Mayer gesagt werden kann (wenig ist es leider nicht), und was immer zu seinen Gunsten gesagt werden muß (es ist viel, sehr viel) - er war ein erstaunliches Individuum, eine außergewöhnliche Persönlichkeit, ein unvergleichbarer Autor und Wissenschaftler. In meiner Bibliothek stehen 39 Bücher aus seiner Feder, gestern ist das vierzigste hinzugekommen: "Erinnerungen an Willy Brand".
          Sein Fleiß war imponierend und zugleich beängstigend. Seit Jahren blind, hörte er nicht auf, Bücher, auch umfangreiche, zu produzieren: Er konnte sie noch diktieren und sogar korrigieren. Aber was sich hinter dieser manischen Schreibwut verbarg, ist, gelinde ausgedrückt, nicht beneidenswert. Er war in seinem langen Leben, soviel ich weiß, nie von Alkohol oder von Drogen abhängig. Aber er mußte sich betäuben: Die Arbeit war sein Narkotikum, in der Arbeit suchte er Schutz und Zuflucht. Wovor mußte er fliehen? Die Antwort ist einfach: vor seinem Unglück. Denn dieser Hans Mayer aus Köln am Rhein war der unglücklichste Mensch, den man sich denken kann.
          Mayers vielleicht aufschlußreichstes Buch, 1975 erschienen, ist "Außenseiter" betitelt. Damals wurde dieser Begriff zum viel gebrauchten und häufig mißbrauchten Schlagwort. Doch keine andere Vokabel ist geeigneter, seine Existenz zu charakterisieren - und zwar von Anfang an. Er stammte aus einem assimilierten jüdischen Milieu, aufgeklärt und ziemlich wohlhabend. Schon in seiner Jugend wurde Mayer geschätzt und gelegentlich bewundert. Denn er war äußerst intelligent und begabt. Aber beliebt war er nicht - weder in der Schule, wo seine Leistungen ohne Wohlwollen wahrgenommen wurden, noch in der Familie, wo seine homosexuelle Veranlagung mit den beträchtlichen Ambitionen der bürgerlichen Aufsteiger schwer vereinbar schien.
          Der Außenseiter rebelliert auf seine Weise gegen die Welt, aus der er kommt: Er hadert mit dem Judentum, ohne sich von ihm gänzlich abzuwenden, er bekennt sich, dem Vorbild Kurt Tucholskys folgend, zum jüdischen Selbsthaß. Dieser Selbsthaß ist es, der ihn, wie er in seinen Erinnerungen "Ein Deutscher auf Abruf" schreibt, "niemals verlassen sollte" und der ihn stark geprägt hat. Zugleich schließt er sich der sozialistischen Studentenbewegung an. Von nun an wird sein Dasein zum Doppelleben: zwischen den Gesellschaftsschichten, den Geschlechtern, den Religionen".
          Daß Mayer 1933 schleunigst ins Ausland geht, versteht sich von selbst. In Frankreich und dann in der Schweiz wird er zum Außenseiter noch unter den Außenseitern. Denn dem in Deutschland promovierten Juristen ermöglicht man, ein Buch über Georg Büchner zu schreiben, doch bald landet er in einem Arbeitslager und schließlich in einem Zuchthaus. Der Grund: Er sei in Lausanne in eine Schlägerei verwickelt gewesen. Zeitzeugen wissen es anders: Die Polizei habe Mayer in einem Hotel mit einem Minderjährigen aufgespürt.
          Nach Kriegsende kehrt er rasch nach Deutschland zurück. Ihm erging es wie der Iphigenie: Die Fremde war ihm nicht zum Vaterland geworden, aber das Vaterland zur Fremde. In der Berufung an die Leipziger Universität, wo man das Büchner-Buch des Juristen als Habilitationsarbeit anerkannte und wo er einen Lehrstuhl für Literaturgeschichte bekam, sah Mayer die Lösung seiner existenziellen Fragen: Der Heimatlose war schon drauf und dran, die Küste des gelobten Landes zu sehen.
          Gut gehen konnte das natürlich nicht. Mayer war fest entschlossen, in seinen Vorlesungen und Essays auch marxistische Kriterien zu berücksichtigen. Die gesellschaftlich orientierte Betrachtungsweise der Literatur hat seinen Blick für soziologische und geistesgeschichtliche Zusammenhänge geschärft. Aber mit jenen, die den Marxismus als Universalsystem behandelten, mit dessen Hilfe man alle Probleme lösen und sämtliche Erscheinungen des Lebens erklären kann, mit ihnen wollte und konnte er nichts zu tun haben.
          Ein Dogmatiker war Mayer niemals. Seine Arbeiten - unter anderem über Thomas Mann und Brecht, auch über Richard Wagner - mißfielen den Parteiideologen, ein marxistischer und gleichwohl toleranter und liberaler Geist war mittlerweile nicht willkommen. Er mußte erkennen, daß er allen Hoffnungen zum Trotz ein Außenseiter geblieben war. Der Konflikt mit der SED zeichnete sich immer deutlicher ab.
          Mayer, inzwischen auch im Westen bekannt und (wenn auch etwas mißtrauisch) geschätzt, floh 1963 in die Bundesrepublik. Er glaubte, man werde ihn mit offenen Armen aufnehmen und ihm sofort eine würdige Professur anbieten. Gewiß, man druckte seine Arbeiten gern, doch aus der Professur wurde nichts. Mayer, beleidigt und gekränkt, erwog schon eine abermalige Emigration, diesmal nach England.
          Den damals einflußreichsten deutschen Germanisten, Benno von Wiese, dessen Beziehungen mit Mayer übrigens recht gut waren, fragte ich in einem nächtlichen, einem vertraulichen Gespräch: "Warum wollt Ihr dem Mayer keinen Lehrstuhl gönnen? Er ist doch den meisten hiesigen Germanisten hoch überlegen. Was stört Euch? Sein Marxismus, sein Judentum, seine Homosexualität oder die Tatsache, daß er kein zünftiger Germanist ist?". Benno von Wiese antwortete mir sofort: "Jeder dieser Umstände spielt eine Rolle. Dennoch wird er schon eine Professur erhalten, doch nicht an einer Universität, sondern an einer Technischen Hochschule." 1965 bekam Mayer endlich einen Ruf - an die Technische Hochschule Hannover. Er empfand diese Lösung als Demütigung.
          Er hatte damals zwei Wohnsitze - in Hannover und in Tübingen. Doch ein Heim hatte er nirgendwo. Nach seiner Emeritierung verfaßte er ein Buch nach dem anderen. Er blieb ein Wissenschaftler mit dem Temperament eines Journalisten. Er war ein Freund des Gesprächs, ein Anhänger der Diskussion, ein Virtuose der Polemik. Er unterhielt sich mit den Lesern, er diskutierte mit genannten und oft auch mit ungenannten Partnern, er polemisierte gegen überlieferte und landläufige Anschauungen. Ein Mann des Dialogs also und doch, ob er es wollte oder nicht, stets ein Einzelgänger. Wer genau liest, muß feststellen, daß er oft nur mit sich selber redet. Der scheinbare Dialog ist der Monolog eines einsamen Menschen.
          Seine Arbeiten bedurften nie der Übersetzung aus dem Germanistischen ins Deutsche. Unermüdlich vergegenwärtigte er die Literatur seines Jahrhunderts. Wie ein Zauberkünstler, der zur Verblüffung des Publikums unzählige Gegenstände aus den Taschen seines Mantels hervorholt, wußte Mayer mit immer neuen Zitaten und Beispielen, Vergleichen und Argumenten aufzuwarten. Sie alle waren Mosaiksteine, aus denen er ein übersichtliches Bild zusammensetzen mußte. Viele seiner Darlegungen waren Synthesen aus Analysen und Bekenntnis. Daher vor allem bezogen sie ihre Stärke: Seine Konfessionen und Argumente beglaubigten und steigerten sich gegenseitig.
          Wir alle, die wir uns in den letzten Jahrzehnten mit deutscher Literatur beschäftigt haben, konnten viel von ihm lernen. Und man sollte nicht wenig aus der Geschichte dieses Lebens lernen: Es ist die Geschichte eines Juden und eines Homosexuellen im zwanzigsten Jahrhundert, eine Geschichte, die dieses Jahrhundert anklagt, eine tragische Geschichte.
          Wir sollten Hans Mayer nicht vergessen, wir haben allen Anlaß, seiner dankbar zu gedenken
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