Der aktuelle Senf
vom 13. September 2001



Was jetzt aufhören muss

Eine Einordnung des Massenvernichtungsanschlages von New York und Washington ist schwierig und wird dennoch von Vielen in der nächsten Zeit versucht werden. Leichter, als das Unfassbare in Worte zu fassen, ist es aber, angemessene Schlussfolgerungen zu ziehen. Ich meine hier nicht die alte Rachelogik, die in der Regel wenig anderes bewirkt, als den Kreislauf der Gewalt in Schwung zu halten. Ich meine das, was wir europäische "Normalbürger" als glücklich Überlebende und zufällig Reichgeborene jetzt anders tun und wie wir anders argumentieren müssen. Es geht dabei um Tun und Unterlassen.

1. Die Feindbilder
Feindbilder sind wie alle noch folgenden Punkte etwas sehr Bequemes. Nicht Kritik und Selbstkritik fordern sie von uns. Wir müssen nur schnell und einfach Einstimmen in den ideologischen Chor von "Gut" und "Böse", "Schwarz" und "Weiß". Aber nicht nur die Ausübung (militätischer) Gewalt, die wir leicht weit weg von uns delegieren können, hält das Wahnsinnsrad in Schwung: unsere alltäglichen Feindbilder leisten dasselbe. Sie haben die Massenmörder genauso geleitet wie viele unserer vorschnellen Reaktionen. Was wir jetzt zum allgemeinen Wissensstand machen müssen ist:
- Es sind ebensowenig alle Araber, die auf den Straßen jubeln wie es alle Deutschen waren, die den Massenmord an den europäischen Juden befürworteten.
- Wer an Allah glaubt, hat allein dadurch die Bombardierung von Schulkindern und Büroangestellten ebenso wenig im Sinn wie der Christ die Folterung und Verbrennung von Frauen.
- Israeli und Palästinenser haben den gleichen legitimen Anspruch ohne ständige Todesdrohung in ihrem Heimatland zu leben.
Günter Eich sagte 1959: "Es hat noch nichts Inhumanes auf der Welt gegeben, keine Gewissenlosigkeit, kein Blut und keinen Terror, das nicht durch kunstvolle Beweisführung als gut und richtig gerechtfertigt worden wäre." Es ist unser aller Auftrag, solchen Rechtfertigungen entgegenzutreten, jeder dort, wo er steht, jeder gegen die Feindbilder im eigenen Lager, muslimische wie christliche und jüdische.

2. Fit for fun
Nichts ist zu sagen gegen den bewussten Genuss der schönen Seite des Lebens. Aber das absolute Ausblenden politischen Interesses, das Verdrängen der Umstände, die das leichte Leben im reichen Europa ermöglichen, die Party rund um die Uhr, das Wahlverweigern, das Nicht-Engagement, die Weigerung, die eigene gute Ausbildung für Information und Teilhabe, für Diskussion und Kritik zu nutzen, das alles ist verboten (nicht erst) seit dem 11. September 2001.
Wir alle können uns irren und zeitweise falschen Argumenten aufsitzen. Wer aber nach der eigenen Position gar nicht sucht, wer nicht um die Lösung unserer Probleme ringt, macht sich strafbar. Der Tatbestand heißt: Töten durch Unterlassen.

3. Das Primat des Profits
Wir erleben seit Jahren die Absolutierung des Gewinnstrebens. Politik und Moral stehen ebenso hintan wie Mitleid und Engagement. Ungerechte Weltwirtschaftsordnung, Preisdrückerei gegen die Armen, Enteignung gesellschaftlicher Werte durch Privatisierung und Steuergeschenke, Geschäfte mit Diktaturen müssen ebenso überdacht werden wie viele kleine persönliche Entscheidungen im Alltag jedes Einzelnen.
Es sind die wachsenden Ungleichgewichte zwischen Arm und Reich und es ist die ausbleibende Solidarität mit den Ausgegrenzten - im eigenen Land und weltweit - , die den Verführern ihre Jünger zutreiben. Die einen werfen Bomben in vollbesetzte Lokale in Israel, die anderen jagen und morden in großen Meuten wehrlose Opfer mit anderer Hautfarbe.

Im Ergebnis heißt unser Auftrag: Politisches Einmischen, Ringen um die richtigen und humanen Werte, Eintreten für mehr sozialen Ausgleich und die Zähmung des "freien" Marktes. Und Solidarität mit den Opfern und denen, die sich ohne unsere Hilfe nicht allein helfen können. In Nahost, bei uns im eigenen Land und in den vergessenen Armutsregionen der Welt.





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