jkkkk
Waren die Massenmörder mutige Männer ? - eine Replik auf Susan Sontag

Es ist gut und wichtig, wenn neben der Diskussion um entschiedene Konsequenzen auch die Kritik an der amerikanischen Politik nicht verstummt. Deshalb war ich erfreut zu hören, dass auch Susan Sontag  - wenngleich im Gestus selbstverliebter Eigeninszenierung -  einen Diskussionsbeitrag leistet. (Englischer Originaltext in der nächsten Ausgabe des New Yorker, deutscher Vorabdruck in der FAZ kann hier nachgelesen werden.) Doch wer von ihr eine scharfe Differenzierung der Grautöne erwartete, wurde mit dem trotzartigen Versuch enttäuscht, dem heroischen Mythos der USA einen ebenso menschenfeindlichen Mythos um die Massenmörder von New York und Washington entgegenzusetzen. Man könne, so ist da zu lesen "den Attentätern - was immer sonst auch über sie zu sagen wäre - eines nicht vorwerfen: daß sie Feiglinge seien."
Nun habe ich zwar seit den Kindertagen mit sonntäglichen Indianer- und Cowboyfilmchen das allgegenwärtige Killertraining verweigert, das Mörder zu Helden stilisiert  -  aber bleiben wir einmal für einen Augenblick in der Logik des Kampfes um Leben und Tod. Mutig ist darin doch derjenige, der sich ohne Achtung des eigenen Lebens einem starken, vielleicht furchteinflößenden, vielleicht übermächtigen Gegner
offen zum Kampf entgegenstellt. Das Urbild des Feiglings dagegen ist wohl derjenige, der einen wehrlosen Gegner, am besten ohne vorherige Kampfansage, also heimlich und überraschend tötet, ohne diesem die Chance der Gegenwehr zu lassen.
Nun will ich gar nicht diskutieren, ob die unschuldigen Menschen in einem Bürohochhaus überhaupt als Gegner gelten dürfen.
Aber einige rhetorische Fragen an Susan Sontag sind dennoch geboten:

Ist es mutig, sich in eine Warteschlange vor dem Flughafenschalter einzureihen, sich die unbewaffneten friedlichen Geschäftsleute und Touristen anzusehen, zu warten, bis sie alle unentrinnbar in die Todeszelle gestiegen sind und sie dann mit eingeschmuggelten Todeswaffen in die absolute Ohnmacht zu zwingen und so keinerlei Kampf zu riskieren ?

Ist es mutig, ahnungslose Menschen, die gerade ihren Arbeitstag beginnen, der ihnen und ihrer Familie das Leben ermöglicht, in unsagbarer Menschenverachtung ein vollbesetztes und vollgetanktes Flugzeug zur Todeswaffe zu machen ?  Ein mutiger, ein "fairer Kampf" ?

Susan Sontag kritisiert  - zurecht -  die Realitätsverdängung ihrer Mitbürger, die nicht sehen wollen, wieviel Gewalt ihr Land der Weltgemeinschaft antut. Aber wieviel Verdrängung ist nötig, um soviel Perversion, Menschenverachtung und bitterste Feigheit zu mutigem Handeln umzudeuten ?

Wer hier einen Heldenmythos fördert, der folgt nicht nur der Logik der Massenmörder, sondern auch der unreifen Geisteshaltung im eigenen Land, mit der nunmehr eben jene ganz alltäglichen und unspektakulären Bürogänger zu Helden ausgerufen werden, die doch genau dies nicht werden konnten, sondern lediglich wehrlose Opfer feiger Mörder.

Den Mythos vom Heldentum aufzubrechen - das ist einer der Schritte, die wir jetzt endlich gehen müssen. Wer "Helden" und "Märtyrer" ausruft, dreht mit an der Spirale der Gewalt.




zum Text von Susan Sontag
zurück zur Übersicht
Reaktionen auf
die Massenmorde
KOHNpage.de
Menü für Freunde
Bei NETSCAPE bitte kleinste Schrift einstellen Details hier
Menü für Studierende
Reaktionen auf
die Massenmorde