jkkkk
Wer übrig bleibt hat Recht
Rezension des gleichnamigen Romans von Richard Birkefeld
und Göran Hachmeister

(Frankfurt: Eichborn, 2002)
ISBN: 3-8218-0885-3
22,- Euro
"Wer übrig bleibt hat Recht". Dieser Titel klingt wie der zeitgenössisch moderne Zynismus, der das Relativieren aller Werte in den Dienst eigenen Nutzens stellt. Wir finden das bei den Marktradikalen, wir finden es aber auch in vielen Kriminalromanen, die auch die Kritiker des Turbokapitalismus gerne lesen. Das wohlige Kribbeln, das sich da einstellt, es kommt aus einer Mischung: Einerseits sich herrlich aufgeklärt und unromantisch fühlen - an die Werte und das politische Eintreten dafür glauben ja doch nur noch hilflos naive Romantiker. An?de?rerseits ist man mit den Killern oder ihren zynischen Verfolgern doch auch ein wenig geistesverwandt, und also auch ein Held, wenn auch nur einer in den Einkaufspassagen.

Wer übrigbleibt hat Recht ist tatsächlich auch ein Krimi, und ein spannender zumal. Spannende Handlung, spannende Erzählperspektiven, unerwartete Perspektivwechsel, und im Zentrum der Handlung eine Mordserie und ihre Aufklärung. Aber die Kulisse des Grauens führt uns weder in die Exotik amerikanischer Metropolschluchten noch in die schwer einschätzbaren Neben- und Unterwelten einer heimischen Gegenwart, die es so vielleicht nur in den Krimis gibt. Das Grauen hier ist real, und doch ist die Kulisse groß, ja übermächtig. Dafür braucht es keinen Sprühnebel aus Hollywood und keine illustre Ketchupkanone. Denn die Realität im Deutschland des untergehenden faschisti-schen Terrorstaates bedarf keiner Überhöhung, und sie ist es, die Zeit und Ort dieses Romans liefert. Dabei setzt er zwar ein in der Hölle der Konzentrationslager, aber schon sehr bald werden wir erlöst durch das sehr viel leichter konsumierbare Grauen einer Mordserie in Berlin  - das kennen wir Krimileser ja und konsumieren es in großen Dosen. Das erste Mordopfer heißt Karasek, aber keine Angst: es geht nicht schon wieder um die Mordphantasien einer kleinen selbsrbesoffenen Literatenseele. Es geht um die Rache eines entflohenen KZ-Häftlings aus Buchenwald.

Er ist nicht Jude, er ist nicht schwul und auch kein Kommunist. Eine unbedachte Äußerung am Silvesterabend hatte ihn ins KZ gebracht, und die miesen Alltagsdenunzianten, die ihm das angetan haben, die sollen dran glauben. Auf seine Spur gesetzt wird ein Gestapo-Mann, eigens von der Front in die Reichshauptstadt zurückbeordert, denn Karasek war ein Mann mit Verbindungen, und der Mord könnte also ein politischer sein. Diese beiden Männer, der privatkriminelle Täter und sein staatskrimineller Verfolger liefern die beiden Erzählperspektiven, die in kurzen Szenen geschnitten, verflochten wie ein Zopf, uns den Handlungsstrang liefern.

Auch die Autoren sind zwei. Und dass dieser spannende Roman in seiner prägnanten und doch assoziativen Sprache von zwei Historikern geschrieben wurde, wird nur wun-dern, wer veraltete Vorurteile pflegt. Diese beiden Historiker sind eben auch brilliante Erzähler. Vor unserem inneren Auge lassen sie einen höchst spannenden Kopffilm ent-stehen, der genau ist und gut recherchiert, dabei aber so sinnlich, dass nicht nur das Licht und die Farben real erscheinen, sondern auch die Nase glaubt, dabeizusein.

Und damit wird dieses Buch neben allem  - ja -  Unterhaltungswert auch zu einer großen Chance: Wir können uns noch einmal einlassen auf ein bedeutendes Stück deutscher Geschichte. Wir können lernen und verlernen. Wir sehen das absolute Grauen, wir er-leben aber auch das Verschwimmen der Schwarz-Weiß-Kontraste. Denn das Opfer war lange ein unpolitischer Mitläufer, und politisch wird er auch nicht nach allem, was er erlebt hat. Und der junge Karrierist geht über Leichen und will doch nur sehnsüchtig zurück in die heile Welt der Zweisamkeit.

Wieviel von unserem als richtig empfundenen Alltagsdenken funktioniert auch hervor-ragend in der Alltagsanarchie, die von einer totalitären Herrschaft geschützt wird ?  Wie hat dieses Berlin ausgesehen, das wir heute wieder so unbeschwert feiern, damals in dem Krieg und in dem Terror, der noch nicht 15 Legislaturperioden zurückliegt ?

Wir erleben skrupellose Täter, aber auch alle Schattierungen in der Masse der Normal-bürger, vom hilflosen Widerstand in Verhören, vom kleinbürgerlichen Mitlaufen und Profitieren, von Raffgier in großem Stil, vom Denunzieren bis zu vergifteten Kinderhir-nen und vor allem: vom Immer-Recht-haben: erst sind´s die Juden schuld und die Kommunisten, wenn das Blatt sich aber wendet, dann waren´s die Nazis und man selbst war natürlich keiner.

Unser Kopffilm zeigt auch lange und eindringliche Einstellungen aus einer zusammen-brechenden Stadt unter den alliierten Bomben. Und dort sehen wir auch das Leiden der Opfer in einem Krieg gegen den Terror.

Dieses Leseerlebnis sollten sich alle gönnen, die ihr Wissen auffrischen wollen und ihre Blicktiefe schärfen. Sie sollten es aber auch schenken all den Jungen, für die das "Dritte Reich" und der Faschismus so oft nur Formeln bleiben. Hier können wir alle schme-cken, riechen, sehen und fühlen, wie es war.
Ierscheint im Dschungelbuch
Februar 2003
Karl-Heinz P. Kohn
KOHNpage.de
Menü für Studierende
KOHNtexte
Menü für Freunde