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Kaffeeduft und Brandgeruch
Rezension der gleichnamigen Anthologie von Stefan Weidner

(Frankfurt: Suhrkamp, 2002)
ISBN: 3-518-39866-0
250 Seiten - 9,- Euro
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KOHNtexte
"Beirut, Beirut", das ist der Titel einer der sechzehn Geschichten in dieser Anthologie. Wer die politische Zeitgeschichte schon ein paar Jahrzehnte lang verfolgen konnte, dem wird allein der Klang dieser Stadt viele Assoziationen in den Kopf tragen. Es gibt mehrere Städte, mit deren Namen sich Geschichte und Tragik verbinden: Belfast, Berlin, Jerusalem ....  Und wie so manche dieser Städte so bringt uns auch Beirut Gedanken an Krieg, an Zerstörung, an Teilung. Und wenn wir ein wenig tiefer eintauchen, dann denken wir auch an die reiche Kultur und Urbanität vor alledem.
Krieg und Zerstörung also spielen eine wichtige Rolle in der Lebensgeschichte dieser Stadt, und sie liefern auch den roten Faden und die Struktur des Suhrkamp-Bändchens. Sechszehn Texte versammelt es in drei Kapiteln: "Vor", "im" und "nach dem Bürgerkrieg" überschrieben.

"Ich will den Duft des Kaffees, nichts als den Duft des Kaffees." Soweit ein ganz normaler Wunsch des Städters. "Wie aber komme ich in die Küche ?" Das ist dann schon eine Frage, die in das Beirut des Bürgerkriegs gehört. Denn die Küche - sie liegt auf der dem Meer zugewandten Seite des Hochhauses. Dort aber, wo also eigentlich der herrlichste Ausblick sich eröffnen könnte, schlagen jetzt die Granaten israelischer Kriegsschiffe ein. Die PLO hat Beirut zu ihrem Heerlager gemacht, und die Beiruter sind ihr menschliches Schutzschild. Eine Sekunde, das ist der Abstand, mit dem die Granaten allmorgendlich einschlagen - zu kurz für das Kochen von Kaffee. In dieser Geschichte, die der Sammlung den Titel gibt  - "Kaffeeduft und Brandgeruch" -  hat der Angreifer einen Namen, und auch die Haltung des Erzählers zu den Kriegsparteien ist klar. Das Überzeugende und Schöne an diesem Buch aber ist, dass diese Einseitigkeit die Ausnahme bleibt. Viel häufiger zu spüren ist, dass in dieser Stadt, in der fast jeder gegen jeden zu kämpfen scheint, klare Frontlinien nicht typisch, und einfache Schuldzuweisungen fehl am Platze sind. Kämpfen hier Isrealis gegen Palästinenser, so kämpfen dort zwei schiitische Milizen gegeneinander.

Politik ist nicht das Hauptthema der Texte, die Menschen sind es, die Menschen in Beirut. Und hier entfaltet sich die Stärke einer Textsammlung: Wir lernen kennen die unterschiedlichsten Menschen, wir lesen von Schriftstellern wie von Schuhputzern, von Alten wie von Jungen, von libanesischen Beirutern wie von den zahlreichen Bewohnern, die die Magie dieser Stadt aus anderen Ländern in sich gezogen hat. Denn Beirut vor dem Krieg, das war das real gewordene Utopia einer multikulturellen Metropole in einer der schönsten geographischen Lagen, die diese Welt zu bieten hat.

Sie war real, und deshalb trug sie auch schon vor dem Krieg natürlich menschliche Schicksale wie das des behinderten Jungen Khalil aus der ersten Geschichte, der all seinen mühsam erbettelten Tageslohn in die Blechdachhütte seines Onkels tragen muss, der ihn zum Dank mit abendlichem Prügeln erwartet. Oder das der jungen Fattum, die sich durch ihre frühe Hochzeit eine erwachsene Zukunft erhofft und doch nur einen prügelnden Lebemann an die Seite bekommt und die drangvolle Enge einer Armensiedlung. Wer aber mehr Grautöne erkennt als die Schwarz-Weiß-Seher auf den Reklamekanälen, dem wird die Nähe zur eigenen Geschichte, dem wird so manches Bild aus den Hinterhöfen des Vorkriegs-Berlin aufleuchten.

Und die Vielfalt der Kopfbilder, die uns "Kaffeeduft und Brandgeruch" ermöglicht zeigt uns auch ganz andere Lebenswelten. Zum Beispiel die des Literaturprofessors an der Beiruter Universität, dem sich im abgedunkelten Schutzraum beim Bombenangriff eine Studentin höchst sinnenfroh nähert ("Die Eigenmächtige"). Oder die des ägyptischen Autors, der den Auftrag erhält, einen Dokumentarfilm zum Bürgerkrieg zu texten und dabei auf eine Produzentin trifft, die an jedem Arbeitstag selbstbewusst die Demarkationslinie überschreitet.

Die Themen, die Stile, auch die literarische Qualität der sechszehn Texte  - nicht nur Erzählungen, auch zahlreiche Kapitel bisher unübersetzter großer arabischer Romane -  sind unterschiedlich. Weit überwiegend aber erleben wir Leser die wunderbar bildhafte Kraft der arabischen Sprache. Denn es war hier ganz offensichtlich eine Reihe hervorra-gender Übersetzer/innen am Werk. Und wir erfahren etwas über die Lebenswelt unterschiedlichster Menschen und Generationen. Es eröffnen uns diese Einblicke sechzehn im selbstverliebten Westen noch weithin unbekannte, aber überwiegend literarisch starke Autorinnen und Autoren, 1911 geboren der Älteste, 1970 geboren der Jüngste, sechs Frauen, zehn Männer.
Und so haben wir mit "Kaffeeduft und Brandgeruch" eine neue Chance, die so wohl nur gute Literatur uns bieten kann: Wir erleben unsere arabischen Nachbarn als das, was wir alle sind: Menschen mit ungeheuren Möglichkeiten, aber auch dem Potenzial zur Zerstörung, Menschen aber vor allem mit einer reichen Kultur und einer Innenwelt, die Horizonte überschreitet.
Ierscheint im Dschungelbuch
Februar 2003
Karl-Heinz P. Kohn
KOHNpage.de
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Vous avez votre Liban et j'ai le mien.
Ihr habt Euren Libanon, und ich habe meinen.
Votre Liban est le Liban politique et ses problemes,
Euer Libanon ist der politische Libanon und seine Probleme,
le mien est le Liban naturel dans toute sa beaute.
meiner, das ist der ursprüngliche Libanon in all seiner Schönheit.

Vous avez votre Liban avec ses programmes et ses conflits,
Ihr habt Euren Libanon mit seinen Ideologien und Konflikten,
j'ai le mien avec des reves et des espoirs.
ich habe meinen mit den Träumen und den Hoffnungen.
Soyez satisfaits de votre Liban si vous le voulez,
Seid Ihr zufrieden mit Eurem Libanon, wenn Ihr das so wollt,
et laissez moi etre heureux du Liban libre de ma vision interieure.
und lasst mich glücklich sein mit dem freien Libanon in mir drinnen.

Khalil Gibran
Übersetzung: Karl-Heinz P. Kohn